Lidl-Tuning
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Nachfolgend zwei hervorragender Artikel zum Highend-Lidl Tuning, den Juergen Schmoll auf Astronomie.de im November 2004 verfasst hat.

Ich hab sie kopiert und hier mit seiner Erlaubnis eingestellt, da ich Angst habe daß der Thread irgendwann mal weg ist und daß wäre zu schade.

Der Original-Thread ist HIER

 


Erster Test des "LIDLscopes" (Starlux-Refraktor 70/700) 2004

Als ich vor einigen Tagen in astronomie.de las, dass in Deutschland die Jagd nach dem sagenumwobenen Lidlscope wieder ansteht, habe ich auf der englischen Webpage nachgeschaut und in der Tat - sogar schon einige Tage vorher war es hier soweit.

Letztes Jahr hatte ich schon eines gekauft, nachdem ich darueber stolperte.
Ich brauchte es nicht, aber ein Test hat mich so inspiriert dass ich dieses Geraet doch empfehlen konnte.
Nach alledem fand dieses Geraet als Goodbye-Geschenk an meine Vermieter eine wuerdige Bleibe.

Nun, dieses Jahr beschloss ich, einen draufzusetzen und sogar zwei LIDLscopes zu kaufen.
Da war einmal das akademische Interesse der Produktstreuung, zum anderen die Erfahrung dass dieses Fernrohr ein super Geschenk darstellt.
Und obwohl ich den Nachbarjungen gerade erst mit einem kleinen Refraktoerchen bedacht hatte, musste genau dieser als Alibi herhalten doch wieder zuzugreifen.

Nachdem ich einen skeptischen Kollegen ("Du wirst doch wohl nicht wieder dieses Fernrohr kaufen ?
Du HAST schon zwanzig !!!") ueberzeugt hatte, ging es Montagabend los.
Keine Minute zu spaet, es waren gerade noch zwei Exemplare da - und schwupp, auch schon eingesackt.
Obwohl die eine Verpackung sehr laediert war.
Nebenbei wird es neben einem aeusserst interessanten Mikroskop angeboten, welches aber schon vergriffen war.
Dass ich natuerlich noch nach Strohalmen greife um auch dieses kaufen zu koennen, ist eine andere Geschichte.

Zuhause eine erste Inspektion.
Aufgebaut habe ich die Dinger nicht, weil sie ja als Geschenk originalverpackt bleiben sollten.
So testete ich nur die Tuben auf der GPDX, zum Glueck passt der Schwalbenschwanz.
Das Zubehoer ist gleichgeblieben: Kellners mit 20, 12 und 4 mm sowie eine 1.5x Umkehrlinse.
Ein sehr leichter Zenitspiegel (Plastikgehaeuse) und das gar nicht schlechte 6x30-Sucher in seiner (leider) Weichplastikhalterung vervollstaendigt das Zubehoer.
Die Montierung scheint exakt die gleiche des letzten Jahrgangs zu sein, das Stativ hatte ich nicht ausgepackt.
Die Unterschiede zum Vorjahr (zumindest bei der UK-Version) sind:
- Preis niedriger (60 statt 70 Pfund)
- Anleitung macht einen besseren Eindruck (mehr Bilder, eine englische Serviceadresse statt der aus Borken).
Leider steht auf der Papiertasche, die Anleitung plus Mondkarte plus Software enthaelt, immer noch "Reflektor-Teleskop".
Offenbar sind die Fehldrucke werksseitig noch nicht aufgebraucht.
Da keine deutsche Anleitung beiliegt, sondern nur auf englisch, franzoesisch, tschechisch etc beschrieben wird, scheint es sich um die Uebersetzung einer deutschen Anleitung zu handeln.
Die von einem Deutschen uebersetzt wurde, denn es hagelt ziemliche Germanismen.
Unterhaltsam z.B. das "boring hole" (langweiliges Loch ?) fuer ein Bohrlock in der Ablageplatte des Stativs ...
- Die mitgelieferte Software scheint eine andere zu sein. Jedoch habe ich das nicht getestet, sondern schliesse es nur aus der Aufmachung der CD/Verpackung derselben.
Hatte leider keine DOS/Windowsmaschine zur Hand.

Nun zur Optik. Ich kuehlte die beiden Roehren bei Temperaturen um den Gefrierpunkt etwa eine halbe Stunde lang aus. Optik 1 (aus dem gutaussehenden Karton) wurde zunaechst getestet, gefolgt von Optik 2 aus dem angeschlagenen Paket.

Optik 1:

Mond: Bei 35x in Fokusnaehe unscharf, Astigmatismus ?
Es bewoelkt sich.

Ich habe dann einen kuenstlichen Stern 10 m weit entfernt aufgestellt.
Ein Filmdoeschen mit weisser LED und Pinhole, Durchmesser ca. 0.5 mm.
Hier bestaetigte sich der Verdacht.
Bei starker Defokussierung erscheinen konzentrische Verdunklungen und Aufhellungen im Scheibchen, sieht nach Zonenfehlern aus (dies bei 35x, also Beugung ausgeschlossen).
Beim Fokussieren wird das Bild elliptisch, im Fokus kreuzfoermig und dann schlaegt es um 90 Grad um.

Als es wieder klarer wird, bestaetigt sich der Verdacht beim Blick auf Beteigeuze.
Lehrbuchastigmatismus schon bei 35x.
 Auf dem Mond mit 175x zwar Krater erkennbar, aber die letzte Schaerfe fehlt und der Kontrast geht baden.
Saturn ist zwar als solcher erkennbar, aber die Cassiniteilung Pustekuchen.

Dieser Fehler ist mir schon mal bei einem 60/700er einer grossen amerikanischen Firma begegnet.
Dort konnte ich die Problematik durch Verdrehen der beiden Dublettkomponenten beheben.
Leider ist das Objektiv beim LIDLscope verklebt, und ich werde wohl doch einen auf Garantie machen.
Mit der Gewissheit, eine Gurke erwischt zu haben, griff ich zur Optik 2.


Letztendlich doch ein LobLIDL

Optik 2 meisterte den kuenstlichen Stern mit Bravour.
Selbst mit einem LE 2mm (ein Okular das ich mir nur zum Testen angeschafft habe) bei 350x bis auf etwas Blausaum ein scharfes Bild.
Auf dem Mond sieht es aehnlich aus.
Die Nacht ist leicht dunstig aber das Seeing gut.
Die Krater erscheinen bei 350x schon etwas dunkel aber knackscharf.
Beteugeuze zeigt um die nullte Ordnung einen Beugungsring mit einer leichten Dreieckssymmetrie.
Dies habe ich oft bei Chinaoptiken gesehen.
Bislang dachte ich, es koennte von den drei Stanniolstreifen herruehren, die Synta einbaut.
Aber Hier werden die Linsen rundum auf Abstand gehalten.
Vielleicht sind es die drei Befestigungsschrauben der Objektivzelle am Tubus ?

Saturn zeigt bei im Kellner 4mm bei 175x (bis auf das LE2 mm wurden nur mitgelieferte Komponenten verwendet) deutlich die Cassiniteilung und den Wolkenstreifen auf dem Planeten.
Der Kontrast ist nicht schlecht.
Letztendlich eine saugute Optik.


Fazit:

Das LIDLscope ist ein Kauf wert, jedoch sollte man den Sterntest machen und sich mit dem Gedanken anfreunden, den Tubus eventuell austauschen zu muessen.
Erwischt man einen guten, ist das Geraet nicht zu verachten.
Die Okulare sind immerhin Kellners (nicht die unsaeglichen Huygensplastikdinger), auf der Innenseite des 20ers ist eine Blauschichtverguetung.
Ansonsten sind kaum Verguetungen anzutreffen.
Das 4er ist klar unverguetet, beim 12er meinte ich einen blauen Schimmer wahrzunehmen, waehrend ich mir bei der Feldlinse des 20ers sicher bin.
Das Objektiv ist unverguetet.

Die Mechanik weist natuerlich bei dem Preis etliches an Plastik auf.
Insbesondere der Okularauszug kann hier bei schwererem Zubehoer (z.B. Mondfotografie mit SLR oder Verwendung von Okularen die ein Vielfaches des LIDLscopes kosten) durchgehen.
Auch gibt es bei 175x deutliches Shifting (Springen des Bildes bei Wechsel der Fokussierrichtung), hier kann der Bastler z.B. durch Filzeinlagen Abhilfe schaffen.

Auch zeigte mein Kauf, dass ein "aussen hui" ein "innen pfui" bedeuten kann und umgekehrt.
Der zerkaute Karton enthielt das um Laengen bessere Scope.
Glaube aber nicht, dass das ein zwingender kausaler Zuammenhang ist !

Insgesamt ein nettes Scope.
Das gute Exemplar geht an den Nachbarjungen (aber nicht verraten, ist noch nicht Weihnachten !).
Die Gurke wird reklamiert.
Was ich dann damit mache, weiss ich noch nicht. Vielleicht selbst behalten ... ?
Okay, okay, ich bin ein Optoholic ....


Orangeblaue Gruesse von der ASN,

Juergen


Gestern abend habe ich mir die Gurke nochmals vorgenommen.

Nachdem ich den kuenstlichen Stern (weisse LED im Filmdoeschen mit Loch 0.5mm) aufgestellt hatte, zeigte sich der Astigmatismus wieder in voller epischer Breite.

Beim Abziehen der Taukappe stellte ich mit Erstaunen fest, dass die Linsenfassung nicht verklebt war !!!
Entgegen dem, was ich in der Literatur ueber das LIDLscope las, liessen sich die Linsen hier entfernen.
Lediglich die rohrseitige Plastikfassung ist eingeklebt und zusaetzlich mit einer Schraube gesichert.
Die Linsen werden mit ihrem Kunststoff-Abstandsring dort eingefuehrt und mit einem Vorschraubring gesichert. Schraubt man selbigen heraus, kann man den Linsenstapel vorsichtig entnehmen, indem man ein weiches Tuch und die Handinnenflaeche auflegt, um dann das Fernrohr umzudrehen - den Linsenstapel sozusagen "auskippt".

Ich habe dann aus einem IKEA-CD-Staender (Holzkasten mit einer schoenen breiten Rille) eine optische Bank gebaut und das Dublett nebst Abstandsring in die Rille gestellt.
Der Astigmatismus war deutlich im handgehaltenen K 12 mm auffindbar.
Nun drehte ich eine Linse in kleinen Inkrementen relativ zur anderen.
Nach einiger Zeit verschwand der Astigmatismus, und es blieb nur ein Dezentrierkoma aufgrund meines Aufbaus, der das optische Aequivalent zur "fliegenden Verdrahtung" des Elektronikers darstellte.
Auch kippten die oben nicht gehaltenen Linsen etwas auseinander, ich ignorierte dies.
Nach Beseitigung des Astigmatismus (Sternbild lief jetzt rund zusammen bis auf die Koma) markierte ich beide Linsen mit einem Bleistiftstrich auf den Seitenflaechen, um die relative Lage zueinander festzustellen.

Draussen war es klar !
Und los gings.
Etwa zwanzigmal hin und her zwischen GPDX und Kuechentisch.
Beim ersten Mal erschien der Mond schon deutlich besser, aber Beteigeuze zeigte im 4mm (175x) noch deutlichen Restastigmatismus.
Ich baute also die Linse aus, verdrehte sie geringfuegig und testete von Neuem.
Bald war der Asti weg, und es zeigte sich auch dass die Vorschraubmutter die vordere Linse um etwa 15 mm (tangential vom Rand aus gesehen) verdreht.
Ich fuhr also einen Offset und nach einiger Zeit war der Asti weg.

Hier koennte der Hase begraben sein - von Asti liest man oft im Zusammenhang mit LIDL-Gurken.
Kann es sein dass die wohlzentrierten Linsen einfach beim Einbau verdreht werden ?
Eine duenne Plastikscheibe mit einer Nase, die in die Gewindeaussparungen der Fassungsinnenseite ragt, koennte dieses Problem loesen.
Sie muesste auf den Linsenstapel gelegt werden, mit der Nase in besagter Aussparung um Verdrehen auszuschliessen, und dann wuerde der Vorschraubring aufgeschraubt.

An dieser Stelle fiel ich ins Koma.
Ich fing an, den ganzen Linsenstapel zu verdrehen um die Koma zu minimieren.
Doch diese lief kreuzfidel mit dem Drehwinkel mit ohne zu verschwinden.
Ich sehe drei Gruende dafuer:

- Verkippung der Fassung zum Tubus
- Durchbiegen der Plastikfokussierung
- Reflexionswinkel des Zenitspiegels nicht 90 Grad

In der Tat brachte ein Wechsel des Diagonals eine drastische Verringerung der Koma, und auch das einfache Weglassen des Spiegels kam gut.
Dennoch, eine Restkoma habe ich noch, obwohl ich bereits Beugungsringe sehe.
Diese sind nach einer Seite asymmetrisch ausgebuchtet.
Spaeter nach dem Abbauen fand ich dann auch, dass die Eingangshuelse des Zenitspiegels schief aufgeschraubt war. Dies koennte den Loewenanteil der Koma ausgemacht haben.

Kurz vorm Reingehen guckte ich noch auf den Mond - Strukturen nun bei 175x knackscharf, und selbst bei 350x mit dem 2mm-LE-Testokular noch passabel.
Saturn zeigte die Cassiniteilung nun fast so gut wie das andere Geraet.
Die "Gurke" ist zwar nicht voellig fehlerfrei, aber nun gut brauchbar - sie hat vielleicht um die 90 % der Leistung des guten Refraktors.

Zufrieden mich mir und der Welt haette ich mir an dieser Stelle am liebsten eine Flasche "ASTI Spumante"
aufgemacht ...

Orangeblaue Gruesse von der ASN,

Juergen


DEN ASTI SPUMANTE HAST DU DIR VERDIENT JUERGEN